Jugend und CDU

Ein Gespräch mit Anika Mester und Günter Marquard

Anika Mester ist 32 Jahre alt und kommt aus Steinfurt-Borghorst, genauer: Ostendorf. Sie hat Geschichte studiert (Master of Arts) und erwarb zusätzlich einen Master of Education in Englisch und Geschichte. Sie lebt und arbeitet in Berlin, hat aber ihren Erstwohnsitz in Steinfurt beibehalten.

Anika Mester betreut aktuell circa 260 Stipendiaten für die Konrad-Adenauer-Stiftung, junge Menschen also, die überdurchschnittlich begabt und der CDU zugeneigt sind. Wegen dieses Hintergrundes fragen wir nach dem Blick der jungen Menschen auf die CDU.Günter Marquard ist 70 Jahre alt und Vorsitzender des Stadtverbandes der CDU Steinfurt

Die Fragen stellen der Lehrer und Unternehmer Sebastian Buck sowie Dipl.-Ing und Dipl.-Sozialpädagogin Gunthild Gerling-Weidlich.

Von links: Gunthild Gerling-Weidlich, Anika Mester, Günter Marquard, Sebastian Buck

Frage: Anika, du hast viel mit jungen Erwachsenen zu tun. Was hörst du von denen, wenn sich das Gespräch um die CDU dreht?

Meistens wird gleich zu Anfang beklagt, dass die Strukturen in den Ortsverbänden häufig unflexibel sind. Es gibt ritualisierte Sitzungen zu festen Zeiten, zu denen junge Leute, aufgrund von Wohnortwechsel durch Studium oder Ausbildung, meist nicht verfügbar sein können. Man sollte mehr digitale Angebote machen und Parteistrukturen flexibilisieren, um ein parteipolitisches Engagement zu ermöglichen (Email, WhatsApp, Videokonferenzen, Skype etc.). Auf diesen Plattformen könnte man Sachdiskussionen führen, ohne jedes Mal eine Sitzung zu besuchen. Es sollte ein regelmäßiger Austausch gewährleistet werden, nicht nur zu Vorstandssitzungsterminen, sondern auch unabhängig davon. Die CDU sollte immer zuhören und sich mit entsprechenden Leuten austauschen, die über eine Expertise im jeweiligen Bereich verfügen.

Frage: Günter Marquard, habt ihr da in Steinfurt Nachholbedarf?

Unsere Kommunikation innerhalb der Steinfurter CDU und in der Fraktion läuft zum größten Teil über E-Mail, einiges auch über WhatsApp. Da gibt es auch eine WhatsApp-Gruppe, die ständig alle möglichen Themen diskutiert, an der sich aber nicht alle beteiligen. Kommunalpolitische Themen können wir aber nur in Partei- oder Fraktionssitzungen behandeln. Da ist der Einsatz der genannten Medien meistens wenig sinnvoll. Wir haben auch noch einen CDU-Stammtisch, zu dem einmal im Monat eingeladen wird. Da kann jeder reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Übrigens: Die gesamte Ratsarbeit läuft heute papierlos und wir haben als einzige Partei im Rat auf gedruckte Exemplare des Haushalts verzichtet. Das hat schon einiges an Steuergeldern gespart.

Frage an Anika Mester: Was hörst du noch an Kritik an den CDU-Ortsverbänden?

Die jungen Leute bemängeln oft, dass sie nicht gehört werden und die CDU an der Lebenswirklichkeit der jungen Leute vorbei regiert. Man bemüht sich zu wenig um sie und lässt sie oft „links liegen“. „Es sollte nicht immer nur zu einem Austausch kommen, wenn ich etwas frage, die Partei sollte umgekehrt auch mich fragen“. Der Grundgedanke ist, dass die Partei vom Wähler abhängig ist und nicht der Wähler von der Partei. Das heißt, die CDU sollte mehr auf die Jungen zugehen, sie befragen und in die Arbeit vor Ort integrieren. Desinteresse der etablierten Politiker an den jungen Leuten kann die Wirkung haben, dass sie in der Parteiorganisation einen „Klüngel“ sehen, der ihnen keine Chance zur Teilhabe bietet.

Ein anderer Kritikpunkt ist, dass zu wenig erklärt wird. Die jungen Leute wollen, dass politische Entscheidungen transparent sind und sie wollen wissen, auf welcher Grundlage die Entscheidungen getroffen wurden. Wichtig ist, das Begründungszusammenhänge hergestellt und erläutert werden. Welche Positionen vertritt die CDU? Was genau versteht die CDU unter liberal-konservativer Politik? Wo findet sich diese konservative Politik in den Entscheidungen wieder? Politische Entscheidungen dürfen nicht inhaltsleer oder willkürlich wirken. Ich denke, dass der Wunsch nach mehr Transparenz und Erklärung alle Wählerschichten betrifft.

Frage an Günter Marquard: Lässt die CDU-Steinfurt ihre jungen Leute „links liegen“?

Ich denke nicht, kann aber auch nicht ausschließen, dass es mal so empfunden wird. Mir ist es jedenfalls ein besonderes Anliegen, neue Mitglieder ganz persönlich an die Hand zu nehmen und sie in die Kommunalpolitik einzuführen. Auf diese Weise konnten wir eine recht große Anzahl an Neuen integrieren. Es kann aber auch durchaus sein, dass es neue Mitmacher anfangs schwer haben, weil mancher bei uns meint, zu beschäftigt zu sein. Da müssen wir alle aufpassen, dass wir besonders den jungen Leuten unsere Wertschätzung zeigen. Die Ursache mangelnder Transparenz sehe ich vor allem in der Komplexität unserer gesellschaftlichen und demokratischen Prozesse und dem Abgleich mit vielen juristischen Fragen. Umso mehr müssen sich Politiker aller Ebenen bemühen, die Sachverhalte so einfach wie möglich zu erklären. Das geschieht unbestreitbar zu wenig.

Frage an Anika Mester: Welche Themen sollten wir mehr in den Vordergrund stellen, um das Interesse junger Menschen zu wecken?

Diese Themen sind für junge Leute besonders relevant: Digitalisierung, Stärkung des ländlichen Raums, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Bildungspolitik, Umweltpolitik, Migrationspolitik, die Zukunft Europas hat einen besonders hohen Stellenwert, aber auch die politischen Entwicklungen mit Blick auf die großen Volksparteien und die Entwicklungen an den Rändern (AfD etc.).

Frage an Anika Mester: Welche allgemeine Kritik hörst du von deinen Stipendiaten an Parteien und der CDU im Besonderen?

Langsamkeit ist jungen Menschen ein Gräuel! Themen wie zu hohe Mieten, Mobilität, Klimawandel, Glasfaserausbau und Digitalisierung betreffen die jungen Menschen im besonderen Maße. Hier hat die CDU, aber auch andere Parteien viel zu langsam reagiert. Die Parteien werden dann allzu oft von der Heftigkeit der Reaktion der Menschen überrascht, die berechtigte Forderungen vorbringen. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die CDU häufig nur noch auf bestimmte Probleme reagiert und den gesellschaftlichen Wandel nicht mehr proaktiv gestaltet. Probleme sollten früher antizipiert und angesprochen, konkrete und nachvollziehbare Lösungsansätze präsentiert werden.

Frage an Günter Marquard: Was wünscht du dir von Seiten der jungen Leute?

Ich freue mich erstmal darüber, dass die Jugend, bedingt durch den Protest gegen den Klimawandel, wieder politischer wird. Die durchlaufen jetzt erstmal Lernprozesse, z.B. den, dass man mit Protest allein keine Politik gestalten kann. Man muss für etwas sein, dagegen sein allein bringt wenig. Am Ende werden sie hoffentlich zu der Erkenntnis kommen, dass eine politische Partei eine gute Plattform für die politische Auseinandersetzung darstellt.

Junge Leute sind durch die sozialen Medien an schnelle und kurze Dialoge gewöhnt. Wir müssen aber alle gemeinsam lernen, dass verantwortliche Politik vieles berücksichtigen muss. Oft geht es dabei sehr ins Detail. Wer mitgestalten will, muss sich darauf einlassen und in diese Komplexität einzutauchen. Schnelle, einfache Lösungen gibt es nur bei den Radikalen.
Auf den Willen zur gemeinsamen Gestaltung kommt es an. Das geht nur, wenn wir die jungen Menschen positiv annehmen, sie wertschätzen und mit ihren Anliegen ernstnehmen und unterstützen. Im Übrigen sollten wir eines nicht vergessen: Die jungen Menschen werden unsere Zukunft gestalten, Grund genug, sie sehr ernst zu nehmen!

Danke an Sie beide für das Gespräch.